Der erste Eindruck täuscht selten, dennoch gibt er selten gleich Einblick in die ganze Tiefe eines Themas oder in die ganze Persönlichkeit eines Menschen.
Ich schreibe Blogs zu zwei Themen: das einmalige und sonderbare Huttwil und das sonderbare und einmalige Lukanien. Zwei Welten so verschieden, die so viel gemeinsam haben.
Die Serie 2025/2026 ist ein gemeinsamer Blog mit dem Schriftsteller Gianpietro Montano.
Überzeuge Dich selbst!
Philippe
Philippe: Idealisierst Du die Welt Deiner süditalienischen Vorfahren? Dieser Eindruck ist bei mir jedenfalls entstanden, als ich Deine Zeilen zum letzten Blogbeitrag gelesen habe.
Gianpietro: Dieses Gefühl, in meinem tiefsten Innern eine unzerstörbare kulturelle Identität zu haben, gibt es wirklich. Ich verstehe jede und jeden, welcher Angst hat, seine kulturelle
Identität gehe zugrunde. Kein Verständnis habe ich, wenn anderen die Schuld gegeben wird. Deine kulturelle Identität ist in Dir. Wenn Du sie verkümmern lässt, bist Du und nur Du schuld.
Natürlich wächst die Liebe für meine lukanische Herkunft, wenn ich mich in der Schweiz nicht mehr wohl fühle. Ich habe versucht, in «die Tote von Anglona» dies über die Geschichte von Achim
Crocco zu erzählen.
Achims bisheriges Leben in Deutschland gibt es nicht mehr. Oder nur noch teilweise durch seine Arbeitsstelle und insbesondere durch seine Mutter. Seine Erbschaft in der Basilicata öffnet ihm
Zugang zu einer Welt, die ihm bisher fremd war. Obwohl sie in ihm steckte.
Die Entdeckung der Basilicata ist eine Reise in Achims Innenleben. Er entdeckt Eigenschaften an sich, die verborgen waren. Wohlgemerkt, im Alter von 60 Jahren. Unausgesprochenes kommt an die
Oberfläche, löst innere Konflikte aus, verändert sein Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater.
Er entdeckt diese lukanische Seite in ihm und findet Gefallen daran. Sie gibt ihm den Halt, den er verlor, als seine Frau nach Baltimore berufen wurde und die Kinder ihr folgten. Die Pandemie
hat alles noch schlimmer gemacht, sie der wenigen Kontaktmöglichkeiten beraubt, abgesehen von Gesprächen über Video. Beruflich ist er in eine Sackgasse gelangt.
Die Entdeckung der Basilicata ist befreiend für Achim. Sie wird zu seinem Lebensmittelpunkt, weil er beruflich sich bis zur Rente durchmogeln muss und keine Zeit mit seiner Familie verbringen
darf. Sie ist der einzige Weg, welcher sich ihm bietet.
Ob ich die Welt meiner süditalienischen Vorfahren idealisiere? Ich glaube nicht. Meine Wahrnehmung ist nicht so negativ, wie die meines Vaters. Wie Achims Vater war er lange der Meinung, die
Basilicata habe keine Zukunft. Heute sagt er das nicht mehr so deutlich, auch wenn er skeptisch bleibt.
Die schwierigen Seiten der Basilicata kenne ich und sie werden im zweiten Roman mehr Gewicht haben als im Debütroman. Aber ich sehe auch die guten Seiten. Die Basilicata hat eine Zukunft. Sie
zu verwirklichen ist nicht einfach. Sowohl für die Region insgesamt als für den einzelnen Menschen ist es nicht einfach Zukunftspläne umzusetzen.
Achim bekommt die Chance, solche Pläne zu realisieren. Dadurch entsteht ein neues Gleichgewicht zwischen seinen verschiedenen Lebensmittelpunkten.