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Fehlendes Kapital

Die Ungleichheit in der Vermögensverteilung war im 19. Jahrhundert deutlich grösser als heute. Wenn auch der Anteil der 10% Reichsten am Gesamtvermögen seit den 1980er Jahren wieder ansteigt. Diese Ungleichheit führt zu Spannungen, wenn die Mehrheit sich übergangen fühlt. Die Briten haben deshalb für den Brexit gestimmt, die Amerikaner für Donald Trump. In den parteipolitisch breit abgestützten Ländern des europäischen Festlandes fällt die Ablehnung des bisherigen Weges weniger radikal aus, der Wähleranteil der Protestparteien steigt, ohne das System komplett zu kippen. Bis jetzt.


Der entscheidende Punkt ist weniger die Ungleichheit als das Gefühl, übergangen zu werden. Dieses Gefühl ist der Nährboden für das Verlangen nach Veränderung. Der französische Ökonom Thomas Piketty,  ein Pionier in der historischen Betrachtung dieser Entwicklungen, hat eine Theorie zu Wirtschaftswachstum und Einkommensverteilung entworfen. Spannend ist die Erkenntnis, dass historisch gesprochen, das Gefühl von ungerechter Verteilung auf zwei Faktoren zurückzuführen sind: 1) eine kleine Elite verschafft sich eine grösseres Einkommenswachstum als die restliche Bevölkerung und 2) die Rendite auf Kapital wächst schneller als das Einkommen durch Arbeit.


Das ist nicht nur die heutige Situation in der Schweiz, in Westeuropa oder in den USA. Das war auch die Situation in Süditalien vor der Vereinigung Italiens. Eine kleine Elite von Grossgrundbesitzern besass den Löwenanteil am Vermögen, erzielte ein grösseres Einkommenswachstum als ihre Angestellten und die Verwaltung ihres Kapitals brachte mehr Einkünfte ein als Arbeit. Das war der Nährboden für den Wunsch nach Wandel in breiten Teilen der Bevölkerung.


Nach der Gründung des Königreichs Italien schrumpfte das Kapital der Grossgrundbesitzer, die Gründe habe ich in früheren Beiträgen beschrieben. Sie waren nicht mehr in der Lage, ein System aufrechtzuerhalten, welches seit Jahrhunderten bestand, weil ihnen das Kapital fehlte.


Die Schweiz hat das Problem des fehlenden Kapitals schon einmal gelöst. Auch sie hatte wenig Kapital. Die Lösung? Sie hat das Kapital der Anderen geholt. Sie wurde zu einem bedeutenden Finanzplatz, eine beliebte Tourismusdestination, lockte ausländische Investoren an wie Henri Nestlé, die hier ideale Voraussetzungen vorfanden, um ihre unternehmerische Vision umzusetzen. Im Sog dieser Investoren kamen auch Schweizer wie Charles Brown oder Walter Boveri zu genügend Kapital und die Schweiz blühte wirtschaftlich auf. Die Schweiz bot einer breiten Bevölkerung eine Wohlstandsperspektive.


Wir sind heute wieder am Punkt angelangt, den Piketty beschreibt. Opfernarrative, die sich gegen andere Gruppen richten, werden dominant, woraus gemäss Francis Fukuyama ein gefährlicher neuer Tribalismus erwächst. Mehr dazu in einer Woche.

 

Buchempfehlung

Thomas Piketty (2013) Le Capital au XXIe siècle

Übersetzung 2014 Das Kapital im 21. Jahrhundert ISBN 978-3-406-67131-9

 

Aufgrund der historischen Datenlage in 27 Ländern entwickelt Thomas Piketty eine Theorie zu Wirtschaftswachstum und Einkommensverteilung. Damit löste er eine grosse Kontroverse aus.

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